7 UX-Stellschrauben

Qualitätswahrnehmung in der Dokumentation verbessern

Technische Dokumentation kann fachlich korrekt, vollständig und normgerecht sein – und trotzdem keinen besonders hochwertigen Eindruck hinterlassen.

Das klingt zunächst unfair. Schließlich steckt oft viel Arbeit in den Inhalten. Informationen wurden recherchiert, Freigaben eingeholt, Screenshots erstellt und Warnhinweise geprüft.

Und dann liest jemand die erste Seite und denkt:

„Das sieht kompliziert aus.“

Oder noch schlimmer:

„Ich verstehe das bestimmt nicht.“

Die wahrgenommene Qualität einer Dokumentation entsteht nicht erst, nachdem Nutzende alle Informationen gründlich geprüft haben. Sie entsteht innerhalb weniger Sekunden.

Ein unübersichtlicher Einstieg, lange Textblöcke oder unklare Überschriften können deshalb dazu führen, dass eine fachlich hervorragende Dokumentation weniger professionell wirkt, als sie tatsächlich ist.

Die gute Nachricht: Du musst nicht gleich das gesamte Informationsprodukt neu entwickeln. Oft reichen wenige gezielte Veränderungen, um die Nutzerführung und damit auch die Qualitätswahrnehmung deutlich zu verbessern.

Was bedeutet Qualitätswahrnehmung in der Dokumentation?

Qualitätswahrnehmung beschreibt den Eindruck, den Nutzende von einer Dokumentation gewinnen.

Dabei bewerten sie nicht nur, ob die Informationen fachlich korrekt sind. Sie nehmen auch wahr:

  • wie leicht sich Inhalte finden lassen,
  • wie verständlich Texte formuliert sind,
  • wie logisch Seiten aufgebaut sind,
  • wie angenehm sich Informationen lesen lassen,
  • wie konsistent Begriffe verwendet werden,
  • wie professionell die visuelle Gestaltung wirkt,
  • wie gut die Dokumentation zur jeweiligen Situation passt.

Die wahrgenommene Qualität ist damit ein Zusammenspiel aus Inhalt, Sprache, Struktur und Gestaltung.

Eine übersichtliche Seite wirkt kompetent.
Eine verständliche Formulierung wirkt durchdacht.
Eine klare Handlungsanweisung vermittelt Sicherheit.

Ein endloser Fließtext dagegen wirkt schnell wie eine Aufgabe, die man lieber auf später verschiebt.

Und „später“ bedeutet in der Praxis häufig: Support kontaktieren, Kolleginnen oder Kollegen fragen oder einfach ausprobieren.

Warum Nutzerführung so wichtig ist

Gute Nutzerführung bedeutet nicht, Nutzende möglichst lange durch eine Dokumentation zu begleiten.

Im Gegenteil.

Eine gute Dokumentation hilft ihnen, schnell zu erkennen:

  1. Bin ich hier richtig?
  2. Was muss ich tun?
  3. Was brauche ich dafür?
  4. Was passiert als Nächstes?
  5. Woran erkenne ich, dass es funktioniert hat?

Je leichter diese Fragen beantwortet werden, desto hochwertiger wirkt die Dokumentation.

Nutzerführung entsteht dabei nicht nur durch Navigationselemente oder Verlinkungen. Sie steckt auch in Überschriften, Satzlängen, Reihenfolgen und Hervorhebungen.

Jeder Absatz kann Orientierung geben – oder Orientierung kosten.

Stellschraube 1: Mit der richtigen Tonalität Sicherheit vermitteln

Technische Dokumentation wird häufig sachlich geschrieben. Sachlichkeit ist wichtig, bedeutet aber nicht, dass Texte distanziert, kompliziert oder unpersönlich klingen müssen.

Vergleiche diese beiden Formulierungen:

Zur Aktivierung der Funktion ist die entsprechende Auswahl im Einstellungsmenü vorzunehmen.

Und:

Aktiviere die Funktion unter „Einstellungen > Benachrichtigungen“.

Beide Sätze beschreiben denselben Vorgang. Die zweite Variante ist jedoch direkter, kürzer und leichter zu verstehen.

Eine gute Tonalität zeichnet sich aus durch:

  • klare Aussagen,
  • aktive Verben,
  • eine direkte Ansprache,
  • eine ruhige und respektvolle Sprache,
  • möglichst wenig unnötige Fachbegriffe.

Besonders wichtig ist die Tonalität in schwierigen Situationen. Fehlermeldungen, Warnhinweise oder Troubleshooting-Inhalte sollten nicht vorwurfsvoll wirken.

Statt:

Sie haben einen ungültigen Wert eingegeben.

besser:

Gib einen Wert zwischen 1 und 100 ein.

Die zweite Formulierung konzentriert sich auf die Lösung. Sie erklärt, wie es weitergeht, statt nur auf einen Fehler hinzuweisen.

Das verbessert nicht nur das UX Writing. Es vermittelt auch Kompetenz und Sorgfalt.

Stellschraube 2: Überschriften als Orientierungssystem nutzen

Überschriften sind keine Dekoration. Sie sind ein zentraler Teil der Nutzerführung.

Viele Menschen lesen technische Inhalte nicht von oben nach unten. Sie überfliegen Seiten, suchen nach Schlüsselbegriffen und springen direkt zu relevanten Abschnitten.

Überschriften müssen deshalb möglichst klar zeigen, was im folgenden Abschnitt passiert.

Wenig hilfreich:

  • Allgemeine Informationen
  • Hinweise
  • Durchführung
  • Weitere Möglichkeiten

Besser:

  • Voraussetzungen für den Datenimport
  • Datei importieren
  • Fehler beim Import beheben
  • Importierte Daten prüfen

Gute Überschriften beantworten eine konkrete Frage oder benennen eine Handlung.

Sie helfen Nutzenden dabei, bereits beim Überfliegen zu erkennen, ob ein Abschnitt relevant ist.

Eine einfache Faustregel lautet:

Wenn eine Überschrift auch in zwanzig anderen Dokumenten stehen könnte, ist sie wahrscheinlich zu allgemein.

„Hinweise“ sagt wenig aus.
„Hinweise zur Passwortvergabe“ sagt deutlich mehr.

Stellschraube 3: Informationen in der richtigen Reihenfolge präsentieren

Die Qualität einer Dokumentation hängt nicht nur davon ab, welche Informationen enthalten sind. Entscheidend ist auch, wann sie erscheinen.

Viele Texte folgen der Logik derjenigen, die das Produkt entwickelt haben:

  1. technische Grundlagen,
  2. Hintergrundinformationen,
  3. Systemarchitektur,
  4. Sonderfälle,
  5. eigentliche Handlung.

Nutzende benötigen häufig eine andere Reihenfolge:

  1. Was kann ich hier tun?
  2. Was brauche ich dafür?
  3. Wie gehe ich vor?
  4. Woran erkenne ich das Ergebnis?
  5. Was mache ich bei Problemen?

Beginne deshalb mit der Information, die in der aktuellen Situation am wichtigsten ist.

Statt eine Anleitung mit einer langen Einleitung zu eröffnen, kannst Du direkt das Ziel benennen:

Mit dem Datenimport überträgst Du bestehende Kundendaten aus einer CSV-Datei in das System.

Danach folgen Voraussetzungen und Handlungsschritte.

Hintergrundinformationen können später stehen oder über einen weiterführenden Link erreichbar sein.

So müssen Nutzende nicht erst drei Absätze lesen, bevor sie erfahren, ob die Seite ihr Problem überhaupt löst.

Stellschraube 4: Den Lesefluss durch kurze und klare Sätze verbessern

Technische Inhalte sind oft komplex. Die Sprache muss es nicht zusätzlich sein.

Lange Sätze mit mehreren Nebensätzen erhöhen die kognitive Belastung. Lesende müssen Informationen zwischenspeichern, Bezüge erkennen und gleichzeitig die eigentliche Handlung verstehen.

Ein Beispiel:

Nachdem die Datei, die zuvor entsprechend den beschriebenen Anforderungen vorbereitet und im vorgeschriebenen Format gespeichert wurde, ausgewählt worden ist, kann der Import über die dafür vorgesehene Schaltfläche gestartet werden.

Kürzer und klarer:

Bereite die Datei im vorgegebenen Format vor. Wähle sie anschließend aus und klicke auf „Import starten“.

Die Information bleibt erhalten. Der Lesefluss verbessert sich deutlich.

Achte besonders auf:

  • kurze Sätze,
  • eine Hauptaussage pro Satz,
  • aktive Formulierungen,
  • konkrete Verben,
  • klare Bezüge.

Das bedeutet nicht, dass jeder Satz nur aus fünf Wörtern bestehen sollte. Zu viele kurze Sätze können abgehackt wirken.

Entscheidend ist ein natürlicher Rhythmus.

Ein längerer erklärender Satz darf sich mit einer kurzen Handlungsanweisung abwechseln. So bleibt der Text lebendig und verständlich.

Stellschraube 5: Absätze und Listen gezielt einsetzen

Eine Textwand wirkt selten einladend.

Selbst gute Inhalte verlieren an Qualität, wenn Nutzende sie optisch kaum erfassen können. Absätze, Listen und Zwischenüberschriften strukturieren Informationen und reduzieren die wahrgenommene Komplexität.

Listen eignen sich besonders für:

  • Voraussetzungen,
  • Handlungsschritte,
  • Auswahlmöglichkeiten,
  • Funktionen,
  • Fehlermöglichkeiten,
  • Prüfkriterien.

Allerdings sollte nicht jede Information automatisch in eine Liste umgewandelt werden.

Eine Liste ist sinnvoll, wenn die einzelnen Punkte gleichwertig sind oder schnell verglichen werden sollen. Für Zusammenhänge und Erklärungen eignet sich Fließtext oft besser.

Auch Absätze sollten jeweils eine erkennbare Funktion haben.

Ein Absatz erklärt einen Begriff.
Der nächste beschreibt eine Handlung.
Ein weiterer nennt eine Ausnahme.

Wenn ein Absatz gleichzeitig Voraussetzungen, Warnungen, Beispiele und Hintergrundinformationen enthält, solltest Du ihn aufteilen.

Strukturierte Inhalte wirken nicht nur leichter verständlich. Sie wirken auch sorgfältiger geplant.

Stellschraube 6: Visuelle Hierarchie bewusst gestalten

Nutzende müssen erkennen können, welche Informationen besonders wichtig sind.

Die visuelle Hierarchie steuert den Blick. Sie zeigt, was zuerst gelesen werden soll und welche Informationen ergänzend sind.

Dazu gehören:

  • Überschriftengrößen,
  • Abstände,
  • Hervorhebungen,
  • Informationsboxen,
  • Tabellen,
  • Symbole,
  • Screenshots,
  • Warn- und Sicherheitshinweise.

Problematisch wird es, wenn alles gleich wichtig aussieht.

Wenn jede zweite Aussage fett markiert ist, verliert die Hervorhebung ihre Wirkung. Wenn jede Information in einer farbigen Box steht, entsteht keine Hierarchie, sondern ein digitales Sammelsurium.

Frage Dich deshalb bei jeder Hervorhebung:

Was soll die Person an dieser Stelle zuerst wahrnehmen?

Eine Warnung benötigt eine andere Gestaltung als ein ergänzender Tipp. Eine Handlung sollte stärker sichtbar sein als eine Hintergrundinformation.

Auch Weißraum spielt eine wichtige Rolle. Freie Flächen sind kein verschwendeter Platz. Sie trennen Inhalte, schaffen Ruhe und erleichtern die Orientierung.

Eine Seite kann viele Informationen enthalten und trotzdem übersichtlich wirken – wenn die Beziehungen zwischen den Elementen sichtbar sind.

Stellschraube 7: Konsistenz als Qualitätsmerkmal einsetzen

Konsistenz ist eine der wirkungsvollsten Möglichkeiten, technische Dokumentation zu optimieren.

Wenn gleiche Inhalte immer ähnlich aufgebaut sind, lernen Nutzende das System der Dokumentation kennen.

Sie wissen dann beispielsweise:

  • wo Voraussetzungen stehen,
  • wie Warnhinweise aussehen,
  • wo sich weiterführende Links befinden,
  • wie Handlungsschritte formuliert sind,
  • an welcher Stelle Ergebnisse beschrieben werden.

Diese Wiedererkennbarkeit reduziert den Orientierungsaufwand.

Konsistenz betrifft unter anderem:

  • Terminologie,
  • Schreibweise,
  • Ansprache,
  • Überschriftenlogik,
  • Seitentypen,
  • Aufbau von Anleitungen,
  • Gestaltung von Hinweisen,
  • Benennung von UI-Elementen.

Besonders kritisch sind unterschiedliche Begriffe für dieselbe Funktion.

Wenn die Benutzeroberfläche von „Konto deaktivieren“ spricht, die Anleitung aber „Benutzerprofil sperren“ verwendet, entsteht Unsicherheit.

Nutzende fragen sich dann:

Ist das wirklich dieselbe Funktion?

Eine konsistente Terminologie vermittelt dagegen den Eindruck eines abgestimmten Gesamtsystems. Genau das stärkt die Qualitätswahrnehmung.

Ein Praxisbeispiel: Von der Textwand zur klaren Anleitung

Nehmen wir an, eine Hilfeseite beschreibt den Export von Projektdaten.

Die ursprüngliche Version beginnt so:

Die Exportfunktion dient dazu, die innerhalb des Systems vorhandenen projektspezifischen Informationen in einem extern weiterverarbeitbaren Dateiformat bereitzustellen. Vor der Durchführung des Exports ist zu beachten, dass die Berechtigung zur Nutzung der entsprechenden Funktion abhängig von der jeweiligen Benutzerrolle sein kann.

Fachlich ist daran wenig auszusetzen. Besonders nutzerfreundlich ist der Einstieg jedoch nicht.

Eine optimierte Version könnte so aussehen:

Projektdaten exportieren

Mit dem Export speicherst Du Deine Projektdaten als Excel-Datei.

Voraussetzung

Du benötigst die Benutzerrolle „Projektadministration“.

So gehst Du vor

  1. Öffne das gewünschte Projekt.
  2. Wähle „Weitere Aktionen > Daten exportieren“.
  3. Lege den gewünschten Zeitraum fest.
  4. Klicke auf „Export erstellen“.

Die Datei wird automatisch heruntergeladen.

Export nicht verfügbar?

Prüfe, ob Dir die Benutzerrolle „Projektadministration“ zugewiesen ist. Wende Dich bei Bedarf an Deine Systemadministration.

Die zweite Version enthält nicht zwingend mehr Informationen. Sie präsentiert sie jedoch in einer Form, die schneller erfassbar und leichter nutzbar ist.

Genau dadurch steigt die wahrgenommene Qualität.

So prüfst Du die Qualitätswahrnehmung Deiner Dokumentation

Du kannst eine bestehende Seite mit wenigen Fragen überprüfen.

Tonalität

  • Spricht der Text direkt und verständlich?
  • Konzentriert er sich auf Lösungen?
  • Werden unnötig komplizierte Formulierungen vermieden?

Struktur

  • Ist sofort erkennbar, worum es geht?
  • Stehen wichtige Informationen an der richtigen Stelle?
  • Haben Abschnitte eine klare Funktion?

Lesefluss

  • Sind die Sätze gut verständlich?
  • Enthalten Absätze jeweils einen klaren Gedanken?
  • Wechseln sich Text, Listen und visuelle Elemente sinnvoll ab?

Visuelle Hierarchie

  • Ist erkennbar, was besonders wichtig ist?
  • Werden Hervorhebungen sparsam eingesetzt?
  • Unterstützt die Gestaltung das schnelle Erfassen?

Konsistenz

  • Stimmen Begriffe mit der Benutzeroberfläche überein?
  • Folgen ähnliche Seiten demselben Aufbau?
  • Werden Anweisungen einheitlich formuliert?

Eine Seite muss nicht spektakulär aussehen. Sie sollte jedoch den Eindruck vermitteln, dass jedes Element bewusst an seinem Platz steht.

Technische Dokumentation optimieren: Kleine Änderungen mit großer Wirkung

Du brauchst nicht immer ein vollständiges Redesign, um die Nutzerführung zu verbessern.

Beginne beispielsweise mit einer häufig aufgerufenen Seite und:

  • formuliere die Überschrift konkreter,
  • kürze die Einleitung,
  • verschiebe das Ergebnis nach oben,
  • teile lange Absätze,
  • vereinheitliche Begriffe,
  • überarbeite passive Formulierungen,
  • hebe Voraussetzungen klar hervor.

Beobachte anschließend, ob sich Rückfragen, Suchverhalten oder Feedback verändern.

So wird aus der Optimierung ein kontinuierlicher Prozess statt eines einmaligen Großprojekts.

Fazit: Qualität beginnt beim ersten Blick

Nutzende können die fachliche Qualität einer Technischen Dokumentation nicht immer sofort beurteilen.

Sie nehmen aber sehr schnell wahr, ob eine Seite übersichtlich, verständlich und vertrauenswürdig wirkt.

Tonalität, Struktur, Lesefluss und visuelle Hierarchie sind deshalb keine Nebensache. Sie beeinflussen unmittelbar, wie professionell, hilfreich und zuverlässig eine Dokumentation erlebt wird.

Wer die Qualitätswahrnehmung seiner Dokumentation verbessern möchte, sollte daher nicht nur fragen:

Sind alle Informationen enthalten?

Sondern auch:

Wie leicht machen wir es den Nutzenden, diese Informationen zu verstehen und anzuwenden?

Denn gute Technische Dokumentation zeigt ihre Qualität nicht erst nach gründlicher Prüfung.

Sie macht sie bereits beim ersten Blick spürbar.

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